DWD Synoptische Übersicht Mittelfrist

08-11-2018 11:00
S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Donnerstag, den 08.11.2018 um 10.30 UTC



Zunächst zyklonal aber mild, zur Wochenmitte hin wieder Hochdruckeinfluss.
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Synoptische Entwicklung bis zum Donnerstag, den 15.11.2018


Schaut man sich das aktuelle atmosphärische Geschehen in Mitteleuropa an,
gewinnt man nicht gerade den Eindruck, dass wir uns klimatologisch und auch
jahreszeitlich auf den Winter zubewegen. Klar, noch ist Herbst, aber auch der
hat sich in der Vergangenheit schon weitaus knorriger und nicht so "pussyhaft"
wie derzeit präsentiert. Vor einem Jahr beispielsweise gab es im November
mehrere "Attacken" kalter Luftmassen mit Schneefällen, die zumindest in Teilen
des Berglands die natürliche Grundlage für einen soliden bis guten Winter
besorgt hat. Zur Zeit sind wir von einem vergleichbaren Szenario Welten
entfernt, reichen doch milde Luftmassen über das Europäische Nordmeer und große
Teile Skandinaviens hinweg bis weit nach Norden. Und von dort, wo sich
tatsächlich kalte Luft befindet (z.B. hinter dem Ural oder auf Grönland), ist
entweder der Weg zu weit oder das Großwetterlagenmuster passt nicht, um die
Kaltluft anzuzapfen und in unsere Richtung zu steuern.
Also müssen wir nolens volens mit dem leben, was uns die Natur aktuell zur
Verfügung stellt, und da sieht die Angelegenheit zu Beginn des
Mittelfristzeitraums am kommenden Sonntag wie folgt aus:
Über dem Ostatlantik befindet sich ein monumentaler LW-Trog, der mit einem
Sturmtief Marke "Schallplatte" südlich Islands korrespondiert. Während das
Sturmtief langsam ostwärts in Richtung Hebriden zieht und sich dabei merklich
auffüllt (in 24 h um rund 20 hPa), weitet sich der LW-Trog unter Verkürzung
seiner Wellenlänge deutlich nach Süden aus, wo er offensichtlich seine
Abtropfung vorbereitet. Gleichzeitig schwenkt bei uns ein markanter Randtrog
nordostwärts über den Vorhersageraum hinweg, wodurch die Höhenströmung von Süd
auf West-Südwest dreht. Dem Trog vorgeschaltet ist eine schwache,
teilokkludierte Kaltfront, die Deutschland in ihrem Nordteil mit etwas Regen
nach Osten passiert, im Süden aber zurückhängt und in die Warmfront einer sich
knapp westlich von Portugal bildenden Welle übergeht. Die am geschilderten
Prozess beteiligen maritimen Luftmassen sind trotz Kaltfrontdurchgang im Norden
mild, die 850-hPa-Temperatur liegt am späten Sonntagabend zwischen 2°C an der
Küste und bis zu 9°C am Alpenrand bzw. an der Grenze zur Schweiz.
Zu Beginn der neuen Woche tropft der LW-Trog wie vermutet in Richtung Kanaren
ab, während das nördliche Residuum eher schleppend nach UK/Irland schwenkt. Wir
verbleiben am Montag auf seiner Vorderseite, wobei die Höhenströmung nicht nur
etwas rückdreht, sondern auch zunehmend antizyklonal deformiert wird. Es baut
sich ein flacher Rücken auf, der aber alsbald schon wieder ostwärts abwandert.
Wichtiger ist eigentlich die Tatsache, dass die o.e. Welle sich auf Nordostkurs
begibt, um über Westfrankreich und die Deutsche Bucht nach Südschweden zu
ziehen, wo sie am Dienstagmittag 12 UTC als kleines Tief anlandet. Zuvor
gelangen am Montag der Norden und Westen des Vorhersageraums in die Schleifzone
der zugehörigen Warmfront, in der es zu länger andauernden Regenfällen kommt.
Zudem wird mit der südlichen bis südwestlichen Strömung in der unteren
Troposphäre milde bis sehr milde Luft nordwärts verfrachtet. Bis zum Abend
steigt die 850-hPa-Temperatur auf bis zu 14°C im Alpenvorland und rund 6°C im
Hamburger Raum. Nur ganz im Norden (also nördlich der Warmfront) bleibt es mit
2-5°C kühler.
Am Dienstag zieht die Kaltfront des Wellentiefs von Nordwest nach Südost über
Deutschland hinweg, wobei es ihr zusehend schwerer fällt, sich gegen den
überlagerten Druckanstieg zu behaupten. Wahrscheinlich wird sie die Alpen gar
nicht oder nur als kümmerliches und wetterunwirksames Restgebilde erreichen,
nachdem sie zuvor noch durch zeitweiligen, wenn auch nicht monumentalen Regen
auf sich aufmerksam gemacht hat.
Wie auch immer, Fakt ist, dass hinter der Front ein Schwall erwärmter
Meereskaltluft subpolaren Ursprungs (T850 0 bis +5°C, ganz im Süden darüber)
einströmt, in der sich im Norden mit Durchschwenken des kurzwelligen
Trogresiduums (T500 um -25°C) einige Schauer entwickeln, besonders zur Küste
hin.
Am Mittwoch etabliert sich über Mitteleuropa ein Hochdruckgebiet, das durch
einen sich aufwölbenden Höhenrücken (ein Folgeprodukt einer neuerlichen
Austrogung über dem Ostatlantik) gestützt wird und zunächst nur im äußersten
Norden anfällig ist für WLA-getriggerte zyklonale Störenfriede. Ansonsten
beginnt bei schwachen Luftdruckgegensätzen der Alterungsprozess der zuvor
eingeflossenen Luftmasse (=> Nebel/Hochnebel, zumindest stellenweise
Nachtfrost). Ob dann zum übernächsten Wochenende - wie befinden uns mittlerweile
schon weit in der erweiterten Mittelfrist - von Norden her eine schwache
Kaltfront übergreift, wie von IFS simuliert, bleibt abzuwarten.

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Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs


Der neueste Lauf des IFS (ECMF) von heute 00 UTC zeigt einen weitgehend analogen
Verlauf im Vergleich zu den jüngsten Vorgängerversionen. Damit ist die
Konsistenz als gut bis sogar sehr gut und die Vorhersage als absolut brauchbar
zu bezeichnen.
Als Quintessenz lässt sich konstatieren: anfangs eher zyklonal geprägtes
Geschehen mit (in der Fläche zu geringen) Regenfällen, ab Mitte nächster Woche
dann sehr wahrscheinlich Hochdruckeinfluss; weiterhin kein Kälteeinbruch in
Sicht.

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Vergleich mit anderen globalen Modellen


Die berühmt-berüchtigten, an dieser Stelle für gewöhnlich durchleuchteten
Globalmodelle (ICON, GFS, GEM, UKMO) haben die gleichen Ideen wie IFS oder
anders ausgedrückt, die beschriebene Entwicklung wird sehr ähnlich simuliert.
Dass es dabei in Detailfragen zu gewissen Unschärfen kommt, liegt in der Natur
der Sache. Sie liegen aber soweit im Toleranzbereich, dass sich die Frage nach
potenziell abweichenden Vorhersagekonzepten zumindest aus rein deterministischer
Sicht gar nicht erst stellt.
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Bewertung der Ensemblevorhersagen


Die EPS-Rauchfahnen (IFS und GFS) verschiedener deutscher Städte zeigen bis weit
in die nächste Woche hinein einen extrem gutmütigen Verlauf ohne große Streuung.
Dabei lässt sich die auf Basis des Hauptlaufs beschriebene Entwicklung sehr gut
wiederfinden. Erst ganz am Ende, wenn es in das übernächste Wochenende geht,
nimmt der Spread zu. Dabei deuten eine gute Handvoll Ensemblemitglieder einen
Temperatursturz respektive deutlichen Potenzialabfall an (der Hauptlauf agiert
eher gemäßigt). Das Gros der Lösungen verbleibt aber auf einem hohem Temperatur-
und Potenzialniveau, was für eine Fortdauer der am nächsten Mittwoch
eingeleiteten Hochdruckphase sprechen würde.
Der geringe Spread spiegelt sich auch in der Clusterung des IFS-Ensembles wider,
die für den Zeitraum T+120...168h (Dienstag bis Donnerstag) mit nur einem einzigen
Cluster aufwartet (die drei Cluster für T+72...96h unterscheiden sich über dem
Vorhersageraum kaum => ebenfalls ein geringer Spread). Ab Freitag (T+192...240h)
erhöht sich die Anzahl der Cluster auf vier (20 Fälle + HL/KL, 13, 10, 8), von
denen die ersten drei überwiegend antizyklonal und niedertroposphärisch mild
aufgestellt sind. Einzig in CL 4 werden Hoch und Rücken dermaßen retrograd, dass
kältere Luft einfließen und ein KW-Trog in der Höhe durchschwenken kann. So oder
so, alle Cluster werden dem Klimaregime "Blocking" zugeordnet, was stark auf die
Fortdauer bzw. ein Refreshing meridionaler Strömungsverhältnisse hindeutet.

FAZIT: Probabilistisch wird das Vorhersagekonzept des IFS-Hauptlaufs nahezu
durchgehend mit hoher Signifikanz gestützt. Erst zum Schluss nehmen die
Unsicherheiten zwar zu, nach heutigem Stand ist aber erst mal von einer
Fortdauer der antizyklonalen Herbstlage auszugehen.

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Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen


Die Liste möglicher signifikanter Wettererscheinungen im Mittelfristzeitraum ist
kurz. So zeigen sowohl die Modelle als auch die probabilistischen
Anschlussverfahren am Sonntag und zu Beginn der neuen Woche schwache Signale für
stürmische Böen 8 Bft oder auch mal Sturmböen 9 Bft in exponierten Kamm- und
Gipfellagen des Berglands sowie an der See. Auf dem Sektor "Niederschlag" deuten
sich keine markanten Entwicklungen an.
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Basis für Mittelfristvorhersage
MOS-Mix mit IFS-EPS und allgemeinem Modellmix.
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VBZ Offenbach / Dipl. Met. Jens Hoffmann